leben in der Hölle

Dieser Artikel entstand kurz nach der Gründung des CCH in Phnom Penh. Was die Zahlen der Kinder angeht, ist er nicht mehr aktuell, auch wird die Förderung duch Bridges Accress Borders demnächst auslaufen.

Aber er beschreibt sehr treffend die Atmosphäre auf der Kippe und in den anliegenden Dörfern.

Cambodscha Müllkippe: Leben in de Hölle von David Pred,"treaesurer" von "Brücken ohne Grenzen"


Heute morgen besuchte ich zum dritten Mal das Steung Meanchey Municipal Waste Dump und nirgendwo
auf der Erde war ich der Hölle so nah wie hier. Es ist ein 100-acre großer schwelender, zerfallender und stinkender Müllberg, sowie die ca. 2000 Menschen - 600 davon sind Kinder - die dort wohnen und arbeiten. Das Dorf am Rande der Müllkippe besteht hier seit ungefähr 20 Jahren. Es entstand, als die auf das Land evakuierten Bewohner von Phnom Penh, um dort auf den Reis Feldern von Pol Pot zu schuften, in die Stadt zurückkehrten und nach einer Möglichkeit zu überleben suchten.

Seid dem letzten viertel Jahrhundert sind viele Landbewohner den gleichen Weg gegangen, um nach
Arbeit zu suchen. Viele haben wegen des Krieges ihr Land verloren oder haben sich hoch verschuldet auf Grund von Missernten. Ihre einzige Hoffnung lag in der Stadt. Also sind sie und ihre Familien nach Phnom
Penh gezogen. Wie auch schon ihre Vorgänger in Steung Meanchey, endeten sie schließlich als Müllsucher, die am Rande der Kippe leben.

Dieses ist die unterste Stufe des menschlichen Darseins, die ich auf meinen Reisen gesehen habe.

Ich bin mir sicher, dass es noch schockierendere Anblicke in Indien und Afrika gibt.
Aber die meisten von Ihnen werden noch nie auch nur annähernd etwas vergleichbares gesehen haben (ich jedenfalls nicht, bevor ich nach Kambodscha gezogen bin) und ich sehe mich gezwungen, diese Erkenntnisse mit ihnen zu teilen und ein Verständnis dafür zu erzeugen, wie Menschen auf diesem Planeten leben. Ich bin
sicher, Sie werden so betroffen wie ich sein und ich hoffe, Sie werden ihre Schlüsse daraus ziehen, selbst wenn es dazu führt weniger zu klagen. Für meinen Teil habe ich es komplett aufgegeben, mich über mein Leben zu beschweren.

Bevor wir zur Kippe gingen zeigte mir mein Freund Paul eine wunderbar kleine kambodschanische NGO
(non-Government organisation : Nicht-staatlich Einrichtung) wo er freiwillig an Sonntagen englisch
unterrichtet. Der Direktor dieser Einrichtung bekam Zuschüsse einer japanischen Stiftung um
ein Zentrum aufzubauen, welches Kinder von der Müllkippe aufnimmt. Es heißt: Zentrum für das Glück der Kinder (Centre for Children's Happiness) und dieser Name beschreibt exakt was es ist: Es gibt 16 Waisen,
die früher auf der Kippe arbeiteten, ein Dach über dem Kopf, ihnen zu Essen, umsorgt sie und
vemittelt einfache Lerninhalte und berufliche Fähigkeiten. Viele der Eltern starben an Aids oder kamen bei der letzten Choleraepedemie ums Leben. Einige der Kinder wurden im dem Dorf nahe der Kippe geboren und
arbeiteten dort, seitdem sie alt genug dafür sind. Andere kamen vom Land, aus den gleichen Gründen
wie alle anderen auch. Es war die einizige Möglichlkeit, die ihnen ausser Selbstmord und Verhungern noch blieb.
Das Zentrum selbst besteht seid 6 Monaten und ist liebvoll dekoriert mit Malereien von glücklichen Kindern.
Die Küche und Vorratsräume sind blitzblank, die Schlafäume gemütlich, in den Klassenräumen
sind Lernmittel.

Der Unterschied zwischen dem Leben auf der Kippe und im Zentrum könnte größer kaum sein, es ist wie Himmel und Hölle. Der Mann, der dieses Zentrum gegründet hat und es heute noch leitet ist die Liebe zu Kindern förmlich ins Gesicht geschnitten. Er selbst ist ein Waise, dessen Eltern durch Pol Pots Schergen umgebracht wurden. Sofort wenn man ihn trifft, erkennt man sei goldenes Herz, er strahlt wie ein glücklicher Bhudda. Aber wie kann auch jemand, der Kinder aus solch einer schrecklichen Umgebung rettet und sie in die Obhut des Zentrums bringt, nicht strahlen. Die Kinder sind überglüchlich, ihr Lächeln spricht Bände über die tiefe Dankbarkeit zu diesem Mann. Als wir gingen, wurden wir mit Geschenken überhäuft, Zeichnungen aus dem Kunstunterricht und Origami aus dem Japanischen. Natürlich folgten sie uns hinaus bis auf die Strasse um uns viel Glück mit auf den Weg zu geben. Ich vergas Tränen der Rührung, etwas was mir seid langer Zeit nicht mehr widerfahren ist.

Dann gingen wir dahin, wo sie alle herkommen. Ein Reporter der New York Times, dem Paul vorgestellt wurde, fragte ihn, ob er mit kommen könnte, da er eine Story über die Kippe schreiben wollte. Ich war eigentlich nur gekommen, um das Zentrum zu besuchem, welche die Stiftung, die ich mit gegündet habe - Bridges across Borders - dazu bewegen möchte, mit dem CCH zukünftig zusammen zu arbeiten. Aber da nun ein Reporter anwesend war, der die Kippe sehen wollte, ging ich halt mit (obwohl ich meinen zweiten Besuch als meinen
letzten definiert hatte, als ich über eine verweste Ratte stolperte, die so groß wie ein Katze war und grade von Fliegen aufgefressen wurde). Obwohl ich schon zwei mal dort war, ist es nicht weniger schockierend und
je mehr ich sehe, desto angewiderter bin ich.

An der Strasse zur Kippe sind Recycling Betriebe aufgereiht. Diese Betriebe bezahlen den Müllsuchern Entgeld für Aluminium und Plastik. Die Kinder sammeln dieses in großen Riessäcken, die sie über ihren Schultern
geworfen tragen, daher kommt auch ihr Spitzname: Reissack Kinder. Man sieht sie überall in der Stadt, aber die Kippe ist ihre Goldmine. Zur Spitzenzeit um 5 Uhr morgens wühlen ca. 1000 Kinder im Müll, sie verdienen zwischen 50 und 75 Cent pro Tag.

Geht man in die Kippe hinein ist man überwältig durch drei Dinge 1) der Gestank 2) die Fliegen 3)
der entsetzliche Anblick aller Menschen, insbesondere der Kinder, die hier wohnen und arbeiten. Heute sah ich
ein nacktes Kind, ca. 2 Jahre oder älter, was hier schwer zu sagen ist, da alle Kinder unterentwickelt und unterernährt sind, und es ass ein Stück einer Durianfrucht (Stinkfrucht) direkt an der verdreckten Strasse,
die durch die Kippe führt. Der kleine Bauch war aufgedunsen, der Hilfeschrei eines geschundenen Körpers:
"Gebt mir zu essen!", ich schüttele mich, wenn ich daran denke, woher diese Frucht wohl kam.

Die meisten der sehr kleinen Kinder, die in einem kleinen Dorf in der Nähe herumlaufen sind nackt und total verdreckt. Viele der Kinder, die auf der Kippe arbeiten, tragen keine Schuhe oder einfache Sandalen. Heute sah ich ein Kind, welches Schuhe anhatte, die 10 Nummern zu groß waren, wahrscheinlich hat sie diese von ihrer Großmutter entliehen. Ich sah mir den Müll genauer an, in den die Kinder mit völlig unzureichendem Schutz herum stocherten. Neben dem üblichen Abfall sah ich gebrauchte Kondome, mehrere gebrauchte Spritzen, viel zerbrochenes Glas und scharfe Metallobjekte. Dann gibt es diesen grünlichen, grauen und schwarzen Belag, der dort überall entsteht, wenn Müll einige Zeit auf der Kippe herumliegt.

Der Times Reporter hatte eine Menge Fragen an die Kinder, die uns neugierig umringten. Ein 14 jähriger Junge, mit dem wir uns unterhielten, lebt hier seidem er sechs Jahre alt ist. Er stammt aus der Pursat Provinz und gelangte nach Phnom Penh nachdem seine Eltern an HIV gestorben waren und nach einigen Wochen in den Strassen landete er auf der Kippe. Der Reporter machte einige Photos von ihnen und wollte ihnen Geld geben, aber Paul hielt ihn davon ab und warnte ihn vor den Konsequenzen. Vor einiger Zeit hatte Paul nämlich etwas zu Essen mitgebracht und es brach ein kleiner Krieg unter den Kindern aus, weil es nicht genug für alle war. Das Recht des Stärkeren regiert hier, nicht unähnlich der Bilder, wie wir sie noch aus dem Irak kennen, die sich auf Hilfsgüter stürzen. Jegliche romantisch gefärbte Vorstellung, die ich von Armut hatte, sie sind längst verflogen. Armut, erbärmliche Armut, wie ich sie hier sah, macht keinen Halt vor Terror. Es verwandelt menschliche Wesen iin Tiere. Diese Kinder sind terrorisiert durch die Umklammerung der Armut, die sie fest im Griff hält. Kriminell hier sind nicht die Kinder, sondern der wohlgenährte Teil der Weltbevölkerung, die es erlaubt, das Kinder in solchen Verhältnissen aufwachsen, das ist kriminell.

Als wir zurück zu unserem Auto gingen, bemerkten wir ein junges Mädchen völlig ausser sich und weinend auf einem Haufen von Müll. Ihre Kleidung, die wohl früher mal weiß gewesen war, war jetzt schwarz, genau wie ihre Haut. Unser Fahrer fragte sie, was der Grund für ihr Weinen war und sie zeigte auf ihren Bauch. Wir fragten sie, ob wir sie nicht zu einem Arzt bringen sollten und sie nickte. Wir brachten sie in eine nahe gelegene Klinik. Der Arzt schien nicht im geringsten auf Grund des Anblicks schockiert oder sonderlich ergriffen zu sein. Ihr Zustand ist nichts, worüber mach sich in Steung Meanchey noch wundert. Ohne sie irgendwie besonders zu untersuchen, diagnostizierte er Durchfall und gab ihr einige Injektionen, die das Mädchen tapfer mir nur einigen Tränen über sich ergehen ließ. Der Arzt gab uns noch einige Antibiotka Tabletten und einge Rehydratation Salze. Wir nahmen noch etwas sauberes Wasser für sie mit, stopften genug Geld in ihre Taschen, so dass sie einige Woche nicht zu arbeiten brauchte und brachte sie zu dieser kleinen Hütte am Fuss des Müllberges, was sie zu Hause nennt. Wir trugen ihrer Tante auf, dass sie nicht arbeiten solle und Ruhe bedarf und jeden Tag ihre Medizin mit dem Wasser nehmen muss. Wer weiß, ob sie wirklich zu Hause bleiben wird und ihre Tante die Medizin verkaufen wird und sie wieder auf die Kippe schicken wird. Sie hat versprochen es nicht zu tun aber ich traue Menschen nicht, die ihre Kinder zum Arbeiten auf eine Müllkippe schicken. Auch bin ich mir sicher über die Zukunft des Mädchens, sie wird an ein Bordell in der Nachbarschaft verkauft, wo sie sich an HIV anstecken wird, wenn sie es nicht schon hat, durch Kontakt mit Kondomen oder den Spritzen auf der Kippe.

Obwohl es mich anwidert, das diese Menschen ihre Kinder auf eine Kippe zum arbeiten oder zum anschaffen in ein Bordell schicken, ebensowenig bin ich nicht in der Position darüber zu richten. Ich musste nie um mein Leben kämpfen und genau das tun alle Menschen hier ihr gesamtes oder den größen Teil ihres Lebens. Wenn Sie dem nicht zustimmen, gehe ich davon aus, das sie eine Woche auf der Steung Meanchey Müllkippe leben wollen und zu testen, ob sich ihre Moralvorstellungen geändert haben.